Nervensystem
Was passiert bei einer Panikattacke im Körper?
Veröffentlicht am 21. September 2026

Bei einer Panikattacke löst dein Gehirn einen Fehlalarm aus. Dein Körper tut nichts Gefährliches - er tut etwas Nützliches zur falschen Zeit.
Das Angstzentrum (die Amygdala) reagiert, als bestünde akute Lebensgefahr und startet die Stressreaktion „Kampf oder Flucht“. Dabei schüttet dein Körper Adrenalin aus - Herz und Atmung beschleunigen sich, du zitterst, schwitzt, wirst schwindelig. Das fühlt sich bedrohlich an, ist aber körperlich ungefährlich: Laut dem US-amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH) sind Panikattacken nicht lebensbedrohlich und die körperlichen Symptome klingen mit der Zeit von selbst ab. Genau dieses Wissen nimmt der Panik einen Großteil ihrer Macht.
Was ist eine Panikattacke überhaupt?
Das NIMH beschreibt sie als eine einmalige oder gelegentliche Episode intensiver Angst mit körperlichen und emotionalen Symptomen - oft wie aus heiterem Himmel und ohne erkennbare Gefahr. Typische Symptome sind Herzrasen, Schwitzen, Schüttelfrost, Zittern, Atemnot, Schwäche oder Schwindel, ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl in den Händen, Brustschmerz und Übelkeit.
Wichtig zu verstehen: Diese Symptome sind kein Zeichen, dass etwas kaputtgeht. Es sind exakt die Reaktionen, die dein Körper auch zeigen würde, wenn du vor einer echten Gefahr wegläufst. Der Auslöser fehlt nur - der Körper macht trotzdem sein Programm.
Was passiert Schritt für Schritt im Körper?
- 1Die Amygdala schlägt Alarm: In deinem Gehirn gibt es ein Angstnetzwerk rund um die Amygdala. Nach dem einflussreichen Modell von Gorman und Kollegen (2000) reagiert dieses Netzwerk bei einer Panikattacke überschießend - es interpretiert harmlose Körpersignale als Bedrohung und feuert los, bevor der denkende Teil des Gehirns eingreifen kann.
- 2Der Sympathikus fährt hoch: Die Amygdala aktiviert das sympathische Nervensystem, deinen Gaspedal-Modus. Über die Nebennieren wird Adrenalin ausgeschüttet. Das ist die Kampf-oder-Flucht-Reaktion: Der Körper bereitet sich auf Anstrengung vor.
- 3Herz und Muskeln bekommen Vorrang: Adrenalin lässt dein Herz schneller und kräftiger schlagen, damit mehr Blut zu den großen Muskeln fließt. Deshalb spürst du Herzrasen oder ein Pochen - nicht, weil dein Herz Schaden nimmt, sondern weil es effizient arbeitet.
- 4Die Atmung kippt oft in Hyperventilation: Atmest du schneller und tiefer, als dein Körper es gerade braucht, atmest du zu viel Kohlendioxid ab. Der CO₂-Spiegel im Blut sinkt, das Blut wird kurzfristig basischer. Die Folge: Die Blutgefäße im Gehirn verengen sich leicht. Es entstehen genau die Empfindungen, die sich so gefährlich anfühlen - Schwindel, Benommenheit, Kribbeln in Händen und um den Mund, ein Gefühl von Unwirklichkeit.
- 5Weitere Schutzreaktionen: Die Pupillen weiten sich, die Verdauung wird heruntergefahren (Übelkeit, flaues Bauchgefühl), du schwitzt zur Kühlung. Alles sinnvolle Notfallreaktionen - nur eben am falschen Ort.
Der Motor der Symptome
Arbeiten von Meuret und Ritz (International Journal of Psychophysiology, 2010) zeigen, dass die Überatmung ein zentraler Motor der Panik-Symptome ist und dass ruhigeres, langsameres Atmen sie abschwächt. Das ist der Grund, warum bei Panik ausgerechnet weniger Atmen hilft, nicht mehr.
Warum ist eine Panikattacke ungefährlich, obwohl sie sich lebensbedrohlich anfühlt?
Weil dein Körper nichts Gefährliches tut - er tut etwas Nützliches zur falschen Zeit. Herzrasen, schnelle Atmung und Adrenalin sind dieselben Prozesse wie beim Sport. Ein gesundes Herz-Kreislauf-System ist dafür gebaut.
Dazu kommt: Eine Panikattacke begrenzt sich selbst. Adrenalin wird im Körper rasch wieder abgebaut. Deshalb bauen sich Panikattacken typischerweise abrupt auf, erreichen ihren Höhepunkt innerhalb weniger Minuten und lassen dann nach. Das NIMH nennt eine Dauer von wenigen Minuten bis zu einer Stunde, manchmal auch länger. Dein Nervensystem kann diesen Alarmzustand gar nicht endlos aufrechterhalten - die Parasympathikus-Bremse übernimmt wieder.
Ein Erklärungsmodell
Die „Fehlalarm-Erstickungstheorie“ von Klein (Archives of General Psychiatry, 1993) hilft beim Einordnen: Danach ist das Gehirn bei anfälligen Menschen überempfindlich gegenüber CO₂ und löst fälschlich einen Erstickungsalarm aus - obwohl genug Sauerstoff da ist. Das erklärt das paradoxe Gefühl, keine Luft zu bekommen, während der Körper in Wahrheit über- statt unterversorgt ist.

Was hilft in der akuten Situation?
Der wirksamste Hebel ist die Atmung - aber nicht mehr, sondern weniger. Weil Überatmung die Symptome antreibt, hilft langsames, ruhiges Ausatmen dagegen.
- 1Länger ausatmen als einatmen: Atme etwa 4 Sekunden ein und 6 Sekunden aus. Die lange Ausatmung aktiviert den Parasympathikus und senkt die Erregung. Langsames Atmen um die sechs Atemzüge pro Minute gilt in der Forschung als besonders beruhigend (Zaccaro et al., 2018).
- 2Erinnere dich an den Mechanismus: Sag dir innerlich: Das ist Adrenalin. Es ist unangenehm, aber ungefährlich. Es geht in ein paar Minuten vorbei. Diese Einordnung nimmt der Amygdala Nahrung, weil du die Körpersignale nicht mehr als Gefahr bewertest.
- 3Bleib, wo du bist, wenn es geht: Wegzulaufen bestätigt dem Gehirn, dass die Situation gefährlich war. Das Aushalten lehrt es mit der Zeit das Gegenteil.
- 4Verlagere die Aufmerksamkeit in den Körper: Feste Füße auf dem Boden, ein kühler Gegenstand in der Hand, benennen, was du siehst und hörst - das holt dich aus der Gedankenspirale.
Mehr Techniken für den Akutfall - vom physiologischen Seufzer bis zum Tauchreflex - findest du im Artikel Schnell beruhigen bei Panik. Und warum Angst grundsätzlich kein Feind ist, liest du in Hat Angst & Panik jemals geholfen?
Sicherheitshinweis zu Panikattacken
Bitte beachten
Dieser Artikel erklärt die Physiologie und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Symptome wie Brustschmerz, Herzrasen oder Atemnot können auch andere Ursachen haben. Bei erstmaligen, ungewöhnlichen oder besonders starken Beschwerden - vor allem anhaltendem Brustschmerz - lass es ärztlich abklären. Wenn Panikattacken wiederkehren und deinen Alltag einschränken, ist das gut behandelbar: Wende dich an eine Ärztin oder Psychotherapeutin. Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als wirksame Methode bei Panikstörung.
Die Panik hört nicht auf, weil du sie bekämpfst. Sie hört auf, weil dein Körper sie gar nicht länger aufrechterhalten kann.
Häufige Fragen zu Panikattacken
Meist einige Minuten. Der Höhepunkt ist typischerweise schon nach wenigen Minuten erreicht, danach klingt sie ab. Laut NIMH kann eine Panikattacke von wenigen Minuten bis zu einer Stunde dauern, manchmal auch länger.
Die Panikattacke selbst ist körperlich ungefährlich und nicht lebensbedrohlich (NIMH). Das Herzrasen ist eine normale Adrenalinreaktion. Da die Symptome denen anderer Erkrankungen ähneln, sollten erstmalige oder untypische Beschwerden trotzdem einmal ärztlich abgeklärt werden.
Weil du meist überatmest, nicht unteratmest. Durch die schnelle Atmung sinkt der CO₂-Spiegel, was Schwindel und Lufthunger auslöst - obwohl du bestens mit Sauerstoff versorgt bist.
Das ist eine direkte Folge der Hyperventilation. Der niedrige CO₂-Spiegel verändert kurzfristig den Säure-Basen-Haushalt und die Nervenaktivität - das Kribbeln verschwindet, sobald sich die Atmung normalisiert.
Langsam und länger ausatmen (z. B. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus) und dir bewusst machen, dass die Empfindungen ungefährlich sind und von selbst nachlassen. Das bremst die Adrenalinreaktion aus.
Wissenschaftliche Quellen
- National Institute of Mental Health (NIMH): Panic Disorder - When Fear Overwhelms. Zur Quelle
- Gorman, J. M., Kent, J. M., Sullivan, G. M., Coplan, J. D. (2000): Neuroanatomical Hypothesis of Panic Disorder, Revised. American Journal of Psychiatry, 157(4). Zur Quelle
- Klein, D. F. (1993): False Suffocation Alarms, Spontaneous Panics, and Related Conditions: An Integrative Hypothesis. Archives of General Psychiatry, 50(4). Zur Quelle
- Meuret, A. E., Ritz, T. (2010): Hyperventilation in panic disorder and asthma. International Journal of Psychophysiology, 78(1). Zur Quelle
- Zaccaro, A. et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12:353. Zur Quelle
- Cleveland Clinic: Panic Attacks & Panic Disorder. Zur Quelle
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Breathwork ist keine medizinische Atemtherapie, sondern eine bewusst-übende Praxis zur Selbsterfahrung.

Über die Autorin
Dana Camille Müller
Soziologin mit Schwerpunkt kritische Soziologie und Medizinsoziologie sowie zertifizierte Breathwork-Trainerin. Sie begleitet Menschen online dabei, ihr Nervensystem bei Stress, Angst und Panikattacken zu regulieren und legt in jedem Artikel die Studien offen, auf die sie sich stützt.
Qualifikation: Online-Ausbildung Breathwork an der Akademie für Sport und Gesundheit, 92 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten, Qualifikationslevel 3, abgeschlossen am 31. Juli 2025. Die Ausbildung ist von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) geprüft und zugelassen.
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